Dienstag, 31. Mai 2016

easyJet ist überhaupt nicht easy!

Eigentlich wollte ich mit dem letzten Post meinen diesjährigen Bericht ausklingen lassen, aber die Ereignisse erfordern einfach noch eine Fortsetzung.

Mein Rückflug ging am 30. Mai um 18.45 Uhr vom Aeroporto Marco Polo ab. Der Campingplatz liegt nur 5 km vom Flughafen entfernt, trotzdem macht sich das geräuschmäßig kaum bemerkbar.

Bereits um 12.30 Uhr war ich dort und fand auch schnell die easyJet-Abfertigung. Ich suchte mir ein Plätzchen am Rand und machte die üblichen Einstellungen an meinem Fahrrad: Pedale an die Innenseiten der Kurbel versetzen, Lenker in eine Flucht mit dem Vorderrad bringen, alle lockeren Teile festkleben und schließlich zwei XXL-Plastiktüten jeweils von vorn und hinten über das Fahrrad ziehen und in der Mitte verkleben. Dann mussten noch die Fahrradtaschen zusammen in einen Gewebesack. Auch diesen Sack verklebte ich gründlich.
Leider gab es in der näheren Umgebung keine Möglichkeit einen Imbiss zu bekommen. Mit dem Gepäck wollte ich auf keinen Fall in die Nachbarhalle gehen. Also fügte ich mich in die Tatsache, erst nach der Aufgabe des Gepäcks (Counteröffnung ab 16.00 Uhr) etwas zu mir nehmen zu können. Als die Zeit gekommen war, stellte ich mein Fahrrad bei den Schaltern ab und fragte ob ich es dort bis zur Abfertigung stehen lassen könne. Ich hatte Pech, denn die beiden Damen, die ich in ihrem Gespräch störte, machten in Mimik und Gestik einen ausgesprochen zickigen Eindruck.
Ob ich das selbst gemacht hätte und ob das meine Verpackung sei, gifteten sie mich an. Ein tatsächliches oder vorgetäuschtes Telefonat wurde geführt, dann wurde mir beschieden, dass mein Fahrrad so nicht akzeptiert wird.
Natürlich versuchte ich zu diskutieren, denn in den Bestimmungen ist nur von Karton oder Tasche die Rede und das Fahrrad war komplett in sehr reissfestes Material gehüllt. Mir wurde das Wort abgeschnitten und mitgeteilt, ich müsste das Fahrrad "wrappen" (in Folie einwickeln) lassen, die "Wrapping Machine" sei eine Etage höher. Meinen Gepäcksack durfte ich auch nicht abgeben.
Also musste ich Gepäcksack, Fahrrad und Handgepäck zum Fahrstuhl. Mit querstehendem Fahrrad war das sehr schwierig, es waren Poller, zu enge Türen und Leute mit Gepäck im Weg. Wenn ich das Fahrrad senkrecht stellte war die ganze Kiste instabil und ich konnte nichts mehr sehen. Also musste ich das Fahrrad zwischenzeitlich um die Hindernisse tragen und das Gepäck im Auge behalten. Die Fahrstühle waren wegen Wartung außer Betrieb, die nächsten  200 m weiter.An der Maschine erklärte mir die (wirklich) nette Dame, dass das Vorderrad raus muss und der Sattel ganz runter, sonst passt das Ding nicht auf die Maschine. Mitten im Gewusel musste ich das Klebeband an meinem mühsam zusammengeklebten Gepäcksack lösen, aus einer der Packtaschen das Werkzeug holen und die Arbeit erledigen. Dabei musste ich trotz Hitze meine Jacke anbehalten, weil ich nur so Ausweis und Geld unter Kontrolle behalten konnte. Endlich war das Fahrrad umwickelt und mit Zertifikat beklebt, der Gepäcksack wieder verschlossen und ich konnte den gleichen Rückweg antreten. Natürlich stand dort jetzt eine lange Schlange zur Abfertigung. Ich hatte genug Zeit, mir inständig zu wünschen, nicht von einer der Zicken abgefertigt zu werden. Damit der Wunsch in Erfüllung geht, hätte ich auch jemanden vorgelassen.

Ich hatte Glück, sie nahm den Gepäcksack entgegen und ging dann mit mir zum Fahrrad, um dort die Nummer des mir ausgehändigten Zertifikats mit dem Aufkleber zu vergleichen. Sie war zufrieden und sagte mir lächelnd, dass ich jetzt mit dem Fahrrad zum Sicherheits-Check für sperrige Güter gehen könne, der befinde sich in der   e r s t e n   E t a g e !

Unterwegs fragte mich noch ein Ami, was ich da transportiere, er hatte auch eine Vermutung, aber die Vokabel verstand ich trotz Nachfrage nicht. Als ich ihm sagte, dass das ein Fahrrad sein, blickte er ungläubig.

Oben angekommen, wurde mir bedeutet, dass ich das Fahrrad auf einen Rollentisch zu legen hätte (Mithilfe des Personals ausgeschlossen), dafür musste ich dann dabei helfen, das Rad mit Hilfe von untergelegten Körben halb aufzurichten, damit es diagonal in den Scanner passte.

Das Fahrrad war endlich weg, ich war völlig durchgeschwitzt und hungrig und hatte gerade noch Zeit, mir ein Baguette und eine Flasche Wasser zu kaufen, dann musste ich zum Boarding.

Hier noch die Kundencharta von easyJet, quasi das Qualitätsversprechen:
http://www.easyjet.com/de/hilfe/buchungen/kundencharta

Der Slapstick hatte ein Ende und auf dem Flug konnte ich mich etwas ausruhen.

Mit leichter Verspätung trafen wir in Berlin ein und ich war unglaublich glücklich, dass Zinnes mich mit ihrem großen Auto abgeholt haben. Da passte alles problemlos rein und zur Begrüßung bekam ich auch noch ein kühles Bier.

Der ganze Stress fiel von mir ab und ich bin euch beiden sehr dankbar.

Einen halben Tag benötigte ich, um das Fahrrad aus der Hülle zu pellen und alles wieder zu justieren.
Dabei habe ich mir vorgestellt, wie es gewesen wäre, wenn ich auf diese Art zum Ausgangspunkt einer Radtour geflogen wäre ...

Jetzt wollt ihr sicherlich wissen, wie mein Fahrrad aussah.
Voilà, da ist es:



Und damit bin ich jetzt wirklich am Ende!


Sonntag, 29. Mai 2016

Abgesang

Da bin ich nun also in Venedig (oder bei Venedig, in Mestre). Ein Ziel, wohin man heutzutage mit dem Flugzeug, dem Zug oder allenfalls mit dem Auto reist.

Mit dem Fahrrad ist das eine ganz andere, eher sinnliche Art der Fortbewegung. Stärker als bei meinen vorherigen Touren habe ich die Veränderungen des Klimas und der Landschaft bemerkt, und die waren dieses Mal sehr deutlich. Das war zum Teil sehr anstrengend, aber auch besonders schön.

Und nicht zuletzt ist es ein tolles Gefühl, hier zu sein, und jeden einzelnen Meter von der Haustür aus mit eigener Kraft bewältigt zu haben.

Das hat drei Fahrradschläuche, einen Mantel und eine Menge Kraft gekostet, aber auch Kraft gegeben. Die drei Pannen waren natürlich bisschen viel - aber wie schon gesagt - sind sie auch das Salz in der Suppe. Alle vier Touren zusammen genommen sind drei Defekte auf über sechtausend Kilometern nicht sehr viel.

Und im nachhinein war es auch die richtige Entscheidung, im letzten August die Tour abzubrechen, denn meine Planung hätte ich auch unter günstigen Bedingungen nicht umsetzen können. Dafür, dass ich entspannt fahren konnte und nichts geplant habe, muss ich jetzt eine Pause machen.

Die gibt mir Gelegenheit, mich noch mal an unser schönes Familientreffen zu erinnern, das wir kurz vor meiner Abfahrt in Potsdam hatten. Es war sehr schön, viele "neue" Verwandte kennen zu lernen und andere nach längerer Pause wieder zu sehen. Danke Stella und Bolle für die tolle Idee und Organisation. Nana und Michael werden, wenn sie meinen Bericht lesen, hoffentlich Verständnis dafür haben, dass ihr großzügiges Übernachtungsangebot für München und Südtirol nicht nutzen konnte. Es passt einfach nicht mit so einer Tour zusammen. Trotzdem noch mal herzlichen Dank.

Die Rechtschreibfehler bitte ich zu entschuldigen. Google mischt sich überall ein - manchmal zu recht und manchmal macht die Rechtschreibkorrektur völlig andere Worte aus meiner Eingabe. Da habe ich mit dem kleinen Tablet sicherlich manches übersehen.


Das Warten auf den Rückflug zieht sich etwas hin. Eigentlich könnte jetzt Schluss sein. Es gibt kein Ziel mehr und einige Sachen riechen nicht mehr gut - genauer gesagt - alles müffelt jetzt.

Das ist jetzt auch mein letzter Post. Vielen Dank an alle, die meine Berichte kommentiert haben oder E-Mails geschickt haben, das hat mich immer sehr gefreut und mir die Gewissheit gegeben, dass ihr auch lest, was ich schreibe. Mir hat sowohl die Tour als auch das Schreiben viel Spass gemacht. Ob und wann ich wieder auf Radreisen gehe, weiss ich noch nicht. Darüber nachzudenken, ist im Winter noch Zeit.

Ach, hätte ich doch fast vergessen, Commissario Brunetti ist auch älter geworden und bisschen aus dem Leim gegangen.


Tag zwei in Venedig

Heute morgen war der Himmel bedeckt, aber es war nicht unfreundlich.
Gelegenheit also, um die andere Seite Venedigs kennen zu lernen.

Ich nahm mir vor, das Ghetto Vecchio zu erkunden. Der heute übliche Begriff Ghetto soll auf dieses im 16. Jahrhundert entstandene kleine Viertel Venedigs zurückgehen.
Dazu musste ich weit abseits der Touristenströme über kleine Brücken gehen. Dumm nur, dass ich meinen Stadtplan vergessen hatte und das es in der Gegend auch keine zu kaufen gab. Also musste ich mich durch fragen, wobei ich mich trotzdem wieder verlief. Ich fand einfach nicht die angegebenen Namen der Brücken und Gassen.




Eine alte Dame gab mir dann den entscheidenden Tipp - gleich hinter der Apotheke abbiegen.





Dabei habe ich aber die Viertel der Einheimischen gesehen. Die Häuser sind dort keine Paläste, sondern oft ohne Putz und mit Stützen versehen.
Dazwischen kleine, sehr bescheidene Cafés und Lädchen.
Jogger liefen entlang der Kanäle und gelegentlich ein paar Touristen. Auf den Kanälen fahren zwischen einigen Touristenbooten auch Lastkähne.






Die Rückzugsorte der Bewohner sehen ganz anders aus, als das Schicki-Micki-Venedig der Touristen.



Ich glaube, ich bin dem Zeitgeist begegnet. Eigentlich ist es der gleiche Eindruck wie beim Kreuzen der Autobahnen mit dem Fahrrad.

Fast alle drängen sich auf kleinen Flächen und haben die gleichen Ziele, umgeben von Ruhe und viel Platz - einmal ist es San Marco, ein anderes Mal München. Ich habe wieder mal erfahren, wie schön es neben der Spur ist.

Gegen Mittag kam dann Regen auf und die Schirmverkäufer machten Geschäft.




Als ich mit dem Bus zurück fuhr, begann ein Gewitter und es folgte ein Wolkenbruch. Ich war durch bis auf die Knochen. Was solls, das Zelt steht noch und entgegen früherer Wetterberichte ist es vielleicht morgen trocken, wenn ich zum Flugplatz muss.

Samstag, 28. Mai 2016

Il teatro grande (Sonnabend, 28. Mai)

Nachdem ich mal richtig ausgeschlafen hatte, fuhr ich mit dem Bus nach Venedig. Dabei stellte ich fest, dass ich gestern auf der Suche nach dem Campingplatz fast an der Brücke nach Venedig vorbei gefahren bin.
Am Busbahnhof angekommen, konnte ich erst mal eine Garde in schmucken Uniformen bewundern, der Grund des Aufzugs blieb im Dunkeln.


Dann offenbarte sich ein gewaltiges Touristenchaos. Ich habe gelesen, Venedig habe mehr Besucher als Rom aufzuweisen.Alle drängten Richtung Ponte Rialto und San Marco, ich brauchte nur mitzuschwimmen.




Souvenirstände, Selfiestick-Verkäufer und Restaurants an jeder Ecke. Fuhr eine Gondel unter der Brücke durch, wollten so viele Leute fotografieren, dass kein Durchkommen mehr war.
Ich wage mir garnicht vorzustellen, dass ich mit dem Fahrrad auf die Insel gewollt hätte. Andauernd musste ich Rollkofferfahrern , Lebensmittel- und Mülltransporteuren ausweichen. Es gibt spezielle Karren, um die Stufen der Brücken zu überwinden.
Endlich erreichte ich den Markusplatz, macht die obligatorischen Fotos

und wandte mich dann lieber den Seitengassen zu.




Dort war es erstaunlich ruhig, aber trotzdem sehr schön. Den morbiden Charme gibt es nicht nur auf der Touristenmeile.



Zum Essen musste ich aber doch wieder näher an die Touristengegend ran.
Hier lernte ich mal wieder die kleinen Tricks des italienischen Gastgewerbes kennen. Als ich die Frage nach einem kleinen oder großen Bier mit groß beantwortet hatte, stand ein 1-Literhumpen wie beim Oktoberfest vor mir. Auf der Rechnung stand dann nicht nur das übliche Coperto sondern auch noch 12% Service.


Aber das gehört einfach zu Italien, kein Grund zur Aufregung!

Pflastermüde kam ich wieder auf dem Campingplatz an, um sofort meine Geräte an einer freien Steckdose zu laden. Die sind abends nämlich alle besetzt.

Morgen werde ich wohl nochmal rein fahren. Mal sehen, ob es noch für einen Bericht reicht.

Jablonski ante portas (Freitag, 27.Mai)


Feltre - Mestre 123,3 km

Die letzte Nacht habe ich in einem schönen B&B in Feltre verbracht.
Etwas störend waren die Geräusche eines jungen Paares aus dem Nebenzimmer, am frühen Abend beginnend und bis in die Nacht mit kurzen Pausen andauernd.
Mit Ohrstöpseln ging es aber.
Morgens war ich überrascht, als ein älteres Paar, etwa Mitte vierzig, zum Frühstück erschien.
Als ich meine Sachen packte, hörte ich, dass es sich wohl um andere Leute handelte - die brauchten offensichtlich nicht mal Frühstück ...
Der Blick von Frühstücksterrasse entschädigte sowieso für alles.





Als ich abreisen wollte, hatte ich noch ein längeres Gespräch mit einem Dänen, der schon zehn Jahre in Feltre wohnt und vorher in Frankreich, Großbritannien und Belgien gearbeitet hat.Er sprach ausgezeichnet deutsch. Unser Thema war natürlich Italien aber auch der traurige Zustand der EU. Er erzählte mir, dass der sechsjährige Sohn eines Kollegen, der Venedig wohnt, seinen Papa gefragt hat, wann den Venedig morgens "aufmacht". Er kam zu der Frage, weil die Touristen morgens mit einem Mal in die Stadt strömen und abends wieder weg sind.

Der erste Teil meiner Tour war wieder sehr interessant. Ich fuhr durch viele kleine Orte. Ein Campanile war schöner und größer als der andere. Allerdings war ein heftiger langer Anstieg dabei, der mir bei knapp 30 Grad wieder ordentlich zu schaffen machte. Zur Belohnung durfte ich dann eine stillgelegte Serpentinenstraße runterbrettern.






Am frühen Nachmittag hatte ich die erste Etappe geschafft. Was dann kam, war ziemlich gruselig. Ständig viel befahrene Straßen, selten Radwege, dafür wenigstens keine ernsthaften Berge mehr.

Ich begann mich mit mir zu streiten - was relativ selten vorkommt. Eigentlich wollte ich nicht mehr, weil die Fahrerei sehr unangenehm war, andererseits wollte ich diesen Teil schnell hinter mich bringen. Die Landschaft war inzwischen platt wie eine Flunder oder wie Brandenburg.



Es ging hin und her, bis ich 20 km vor Mestre war. Damit war klar, ich hatte mich durchgesetzt, denn zu diesem Zeitpunkt noch einen Zwischenstopp zu machen, wäre Unsinn (zumal es gar keine Übernachtungsmöglichkeiten gab).
Am Stadtrand von Mestre fragte mich eine Schwäbin nach dem Weg, die mit ihrer vielleicht zehnjährigen Tochter unterwegs war.
Leider war die Straßenführung geändert worden, mein Track führte zu einem Zaun. Ein alter Mann aus Mestre wollte uns auf den richtigen Weg führen. Dazu mussten wir uns auf einer Art Autobahnauffahrt zwischen Leitplanke und Zaun durcharbeiten. Die Leitplanke war nach hundert Metern so verbeult, dass die Stelle nur mit abgenommenen Packtaschen passierbar war. Dann gings die Abfahrt wieder runter und wir konnten weiter. Ziemlich abenteuerlich!

Eigentlich war ich sowieso schon spät dran und die Suche nach dem Campingplatz dauerte auch sehr lange.
Endlich um 20.30 Uhr hatte ich das Zelt aufgebaut. Die Mücken waren sehr emsig. Gut, dass ich das Mückenmittel vorgestern entsorgen musste, weil die Flasche undicht war ...


Wo meine Stirnlampe ist, weiss ich auch nicht, bestimmt zu Hause. Egal ich habe was gegessen und getrunken und morgen gehts ohne Fahrrad nach Venedig. Für das bisschen Symbolik schleppe ich es nicht zum Markusplatz.

Donnerstag, 26. Mai 2016

Bella Italia

Pieve di Cadore - Feltre 87,3 km

Endlich bin ich wirklich in Italien angekommen. Es riecht wie Italien, es schmeckt wie Italien und es sieht wie Italien aus.
Außerdem waren es mittags 29 Grad und jetzt nach 20 Uhr sind immer noch 24 Grad.
Eigentlich wollte ich heute titeln "Die Ernte wird eingefahren".
Aber das war nur der Beginn, da ging es auf Nebenstraßen mal steil, mal flach immer abwärts. Unbewohnte Orte lagen auf meinem Weg.



Dann wurde es wieder lebhafter, Kinder übten im Verkehrsarten das Fahrradfahren.


Einmal wäre die Fahrt fast beendet gewesen. Ein Auto hielt an einer schrägen Nebenstraße in unbebautem Gelände, ich kam mit Schmackes eine steile Hauptstraße runter. Kurz bevor ich an der Einmündung war, fuhr das Auto auf die Hauptstraße. Das war sehr knapp, ich hatte alle Mühe, die Kurve zu kriegen.
Das Tourprofil zeigte eigentlich immer bergab. Aber der Fahrradweg neben der Straße war extrem hüglig. Die Alpen liegen lange hinter mir und auch von den Dolomiten gibts nur noch ein paar Ausläufer.



In Beluno musste ich einkaufen. Eine typisch italienische Einkaufsmeile vor der Stadt. Der Supermarkt war riesig. Es dauerte sehr lange, bis ich Getränke, Obst und Backwaren zwischen Textilen, Elektronik und Gartengeräten gefunden hatte. In der Obstabteilung benutzt der hygienebewusste Italiener Einweghandschuhe für das wenige unverpackte Obst. Schnell noch an einer der mindestens 20 Kassen bezahlen, dann konnte es endlich weiter gehen.

Was dann folgte, war ein ziemlicher Horror. Eine stark befahrene Landstraße ohne Fahrradweg und einem Straßenrand voller Schlaglöcher verlangte volle Konzentration. Kein Schatten, keine Möglichkeit zum Rasten. Endlich gabs in einem kleinen Ort einen Park mit Bänken zum Pause machen.

Dann gings wieder auf die Landstraße. Der gemeine Italiener, egal ob Pkw- oder Lkw-Fahrer ist ziemlich schmerzfrei, was Fahrradfahrer angeht - er ignoriert sie einfach. Besonders unangenehm fand ich dicke Treckerreifen und LKW mit Auflieger direkt neben mir.

Zum Schluss konnte ich wieder Nebenstrecken benutzen, allerdings mit ordentlichen Bergen, die mir schwer zu schaffen machten.

Endlich erreichte ich Feltre, eine wunderbar lebendige Stadt mit mittelalterlichem Zentrum.







Die Dame in Touristeninformation meinte, Venedig liegt nur noch eine Stunde entfernt - wohl etwas untertrieben!

Übrigens war sie die erste, die noch nie was von Potsdam gehört hatte. Selbst die österreichischen Motorradfahrer heute morgen wussten Bescheid. Das war vor ein paar Jahren noch ganz anders.

Bis Mestre sind es nach meiner Tourenplanung noch etwas über 100 km.
Da will ich mein Basislager aufschlagen. Fahrradfahren geht in Venedig sowieso nicht. Ob ich morgen bis dahin komme, werde ich schon sehen.

Mittwoch, 25. Mai 2016

Ich bin ein Glückskind

Toblach - Pieve di Cadore 65,4 km Aufstieg 1862m Abstieg 1026m

Heute hielt der Wetterbericht, was er gestern versprochen hatte. Strahlend blauer Himmel, angenehme Temperaturen.


Beim Frühstück hatte ich ein interessantes Gespräch mit der Wirtin.
Sie erzählte mir, dass viele Gasthöfe aufgeben, weil die Besitzer zu alt sind, nicht weil keine Nachfrage besteht. Die Erben sind oft weggezogen und haben kein Interesse, und für Pächter rentiert sich das Geschäft nicht.

Satt und ausgeschlafen machte ich mich auf den Weg. Wieder mal hatte ich die Routen Beschreibung nur oberflächlich gelesen. Gut so! Es ging nämlich stetig bergauf, allerdings auf grobem Schotter.


Dafür gab es wunderbare Landschaft zu sehen. Zunächst den Toblacher See und später den Dürrensee. Beides wunderschöne Bergseen vor grandioser Kulisse.





Auch die berühmten drei Zinnen waren zu sehen, allerdings aus ungewohnter Perspektive.


Der Anstieg nahm kein Ende.



Dann kam doch der lang ersehnte Pass Passo Cimabanche - schau an 1530 m, ganz ordentlich!

Nun gings zügig bergab, leider weiterhin auf Schotter. Also "högschte Konzentration", ein Sturz könnte die ganze Tour beenden.

Nach langer Abfahrt auf einer ehemaligen Bahntrasse mit mehreren Tunneln erreicht ich Cortina d' Ampezzo.






Den Jüngeren wird das wenig sagen, aber für mich war das 1956 das erste bewusst wahrgenommene Sportereignis, die olympischen Winterspiele. Die Erwachsenen lauschten aufgeregt am Radio den Reportagen von Heinz-Florian Oertel. Harry Glass gewann Bronze im Skispringen!
Ich wusste sicher nicht, worum es geht, geschweige denn, wo Cortina liegt, aber die Spannung ist mir in Erinnerung geblieben.
Heute erinnert wenig an diese Glanzzeit des Ortes. Die Wirtin in Aicha erzählte mir, dass sich viele Wohlhabende aus Mailand und Rom Immobilien gekauft hätten, die im Sommer aber verschlossen sind.


Ist das wirklich noch die Olympiaschanze?


Nach weiterer Abfahrt erreichte ich Pieve di Cadore, ein verschlafenes Nest im italienischsprachigem Gebiet, in dem der berühmte Maler Tizian geboren wurde. Sein vermeintliches Geburtshaus steht noch.


Natürlich ist hier alles nach ihm benannt, selbst die Apotheke.


Warum bin ich nun ein Glückskind?
Weil das Wetter zur richtigen Zeit mitgespielt hat und mich diese traumhafte Landschaft genießen ließ und weil ich trotz grober Schotterwege wieder keine Panne hatte.

Es sind noch knapp 200 km bis Venedig beziehungsweise Mestre, wo ich übernachten will. Mal sehen, vielleicht komme ich doch erst Sonnabend dort an.

Dienstag, 24. Mai 2016

Die Nebel lichten sich

Aicha - Toblach 61,7 km Aufstieg 2192m, Abstieg 563m

Heute früh stellte mir die Wirtin einen wunderbar sonnigen Tag in Aussicht.
Aber wie so oft, lag der Wetterbericht daneben. Es blieb bei 11-14 Grad, die Sonne war nicht zu sehen. Trotzdem behielt ich die Sonnenbrille auf (das macht man hier so als Radler) - immerhin den ganzen Tag gabs keinen Regentropfen!

Der Nebel hing in den schneebedeckten Bergen und verzog sich nur sehr langsam.
Ich war darüber ganz froh, denn die letzte ernsthafte Bergetappe war bei niedrigen Temperaturen etwas leichter zu fahren.
Irgendwie hing mir der Brenner noch in den Knochen, jeder größere Hügel war eine Herausforderung. Es war ein ständiges auf- und ab. Pustertal impliziert ja, dass man bergrunter fährt, aber dem war nicht so.Fast schon ärgerlich, wenn wieder eine Abfahrt kam, es ging ja gleich wieder hoch.


Die weißen Gipfel waren überall. Wenn man hier genau hinsieht, kann man den Skilift erkennen:


Den Aufstieg zum Brenner hatte ich spontan für besonders schwer gehalten, aber mit etwas Abstand war die Fahrt von Honningsvag zum Nordkap doch noch schwerer.

Die Fahrradwege sind jetzt sehr gut gekennzeichnet, Hinweisschilder gibt es überall, auch auf den meist asphaltierte Wegen sind Abbiegepfeile und Hinweise aufgebracht. Eigentlich wird die Landkarte jetzt über flüssig.
Die Krönung sind elektronische Informationstafeln wie diese hier:


Unterwegs traf ich einen 74-jährigen Herrn aus Versen an der Aller. Beim zweiten Treffen hatten wir einen netten Schnack über Gott un die Welt. Er war mit dem E-Bike unterwegs, sein Arzt erlaubt im keinen hohen Puls.

Typisch norddeutscher Humor:
Seine Frau ist sein Oldtimer. ???
Man muss sie pfleglich behandeln und immer für Ersatzteile sorgen. Sie hat schon zwei neue Hüften und ein neues Knie. Die Lackpflege macht sie aber allein!
Er bedankte sich für das nette Gespräch und weg war er.

Bei Bruneck fuhr ich nacheinander durch zwei beleuchtete je 200m lange Tunnel für Fahrradfahrer. Erstaunlich, dass man nicht nur für Autofahrer keine Kosten scheut (EU-Mittel).


Die Nebel lichten sich auch in der Beziehung, dass ich jetzt abschätzen kann, wann ich in Venedig bin. Spätestens Freitag werde ich dort sein, auch wenns hier bis jetzt überhaupt nicht nach Adria aussieht.


Der Rückflug ist jetzt für Montag, den 30. gebucht (auch weil er nur halb soviel wie sonntags kostet. Selbst vom Flughafen nach Hause ist die Rückfahrt dank Zinne schon geklärt. Danke schon mal!

Heute in Toblach habe ich fürn schmalen Taler ein wunderbares Zimmer bekommen.




Obwohl es ein kleines Nest ist, sind die Straßen mit vielen Zebrastreifen bepinselt - soviel hat ganz Potsdam nicht!


Irgendwie rührend.

Falls ich mich etwas komisch ausgedrückt habe, der regionale Heuschnaps war wohl bisschen viel für mich (schmeckt wie Zubrowka).

Morgen gehts noch mal sanft bergauf und dann nur noch bergab 🙌.